Menü +

Kreuzfahrt zur „HMS Erebus“: Das Traum-Wrack

Kalter Wind pfeift über die Tauchplattform. Wellen schlagen wuchtig über den Rand und lassen die Festmachertrossen knarzen. Doch den Passagieren, die vom Expeditionskreuzfahrtschiff „Ocean Endeavour“ mit Schlauchbooten zu der schwimmenden Forschungsstation im Nordatlantik übergesetzt haben, scheint das alles nichts auszumachen.

Zu ergreifend ist dieses Erlebnis im Nordatlantik.

Auf der Plattform stehen Container mit Tauchausrüstung und anderem technischem Gerät, ein Kompressor befüllt lärmend Sauerstoffflaschen. Die ganze Aufmerksamkeit der Gäste richtet sich aber auf einen großen Bildschirm: Zu sehen ist die Übertragung der Videokamera eines Forschungstauchers, der sich im Bauch der „HMS Erebus“ bewegt – und gerade ein Regal mit einem Stapel intakter Porzellanteller erfasst.

Aus einem zweiten Blechcontainer ist verhaltener Jubel zu hören. In dem mit Instrumenten, Werkzeugen und einer Druckkammer vollgestopften Raum, verfolgen die Unterwasserarchäologen von Parks Canada an zwei kleinen Monitoren die Arbeiten der Taucher. Die Wissenschaftler klatschen sich kurz ab, ihnen ist ein weiterer bedeutender Fund geglückt.

Inuit-Überlieferungen gaben Hinweise auf Wrack

168 Jahre lang war die „Erebus“ verschollen – erst 2014 wurde das Wrack aufgespürt. Die Entdeckung im kanadischen Territorium Nunavut gehört zu den größten archäologischen Sensationen der vergangenen Jahrzehnte.

Ungeklärt ist weiterhin das Schicksal des britischen Polarforschers Sir John Franklin und seiner 129 Männer. Sie waren im Mai 1845 in England mit den beiden Schiffen „HMS Erebus“ und „HMS Terror“ zu einer Arktisexpedition aufgebrochen, um die damals legendäre Nordwestpassage vom Atlantik zum Pazifik zu finden.

Ab 1846 gab es von ihnen kein Lebenszeichen mehr. Rund 50 Suchmannschaften konnten seither in der kanadischen Arktis nur wenige Spuren ausfindig machen, darunter drei Gräber auf Beechey Island und einen Metallzylinder mit Dokumenten von 1846/47, die vom Tod Franklins berichten.

Inuit hatten Decken, Uniformen, Silberlöffel und andere Metallgegenstände gefunden, und erst die Auswertung ihrer mündlichen Überlieferungen führte schließlich zum Fundort. Zwei Jahre nach der „Erebus“ konnte auch die „Terror“ etwa 110 Kilometer weiter nördlich lokalisiert werden.

„Wir hoffen nun auf Hinweise, warum die Männer die Schiffe verlassen haben und wohin sie aufbrechen wollten. Dann können wir in dieser Richtung weitersuchen“, sagt Tamara Tarasoff. Die 55-jährige Ausgrabungsleiterin ist seit der Abfahrt in Kugluktuk auf der „Ocean Endeavour“. Sie hält mehrere Vorträge vor den 170 Gästen, die sich auf einer 17-tägigen Expeditionskreuzfahrt durch die Nordwestpassage von Kanada nach Grönland befinden.

Kreuzfahrt zur „Erebus“ ist ein Pilotprojekt

Der Stopp am Wrack ist eine Premiere: Die Passagiere sind die ersten Nichtwissenschaftler oder Offizielle, die die Plattform betreten. Eigentlich hat die Nationalparkbehörde Parks Canada für Schiffe ein Sperrgebiet von zehn Quadratkilometern eingerichtet, über das Inuits wachen. Die Kreuzfahrer müssen die GPS-Funktionen ihrer Mobiltelefone und Kameras abschalten, um die genauen Koordinaten der Fundstelle geheim zu halten und damit vor Schatzsuchern zu schützen.

Ihr Besuch bei den Wissenschaftlern ist Teil eines dreijährigen Pilotprojekts, das die Behörde in enger Absprache mit dem Inuit Heritage Trust durchführt. Sie will so herausfinden, wie man den historisch so wertvollen Fund der Öffentlichkeit zugänglich machen könnte.

Der Veranstalter Adventure Canada darf sich daher zweimal pro Jahr mit einem Schiff nähern – theoretisch. Denn schon fünfmal zuvor haben Wind und Seegang das Ausbooten unmöglich gemacht, heute klappt es. Pro Passagier zahlt das Unternehmen 250 kanadische Dollar, zusätzlich kommen rund 22.000 Dollar durch Auktionen an Bord sowie Spenden zusammen. Finanziert werden damit Programme für Inuit-Kinder und -Jugendliche.

Für viele Gäste wie den ehemaligen Architekten Peter A. aus Hamburg war der Wrackbesuch der Grund, die mehr als 13.000 Euro teure Reise zu buchen: „Wo und wann kann man denn als normaler Tourist bei einer solch bedeutenden Ausgrabung live dabei sein? So eine Gelegenheit bekommt man doch nie wieder“, sagt der 78-Jährige.

Für den 51-jährigen Briten Kieran Mulvaney geht ein lang gehegter Traum in Erfüllung: „Mich fasziniert die Suche nach der Franklin-Expedition schon seit vielen Jahren. Ich habe oft versucht, an diese Orte zu kommen, aber es nie geschafft. Jetzt bin ich endlich hier und dann noch direkt an der ‚Erebus‘, einfach unglaublich.“

Eiskaltes Salzwasser konserviert das Schiff

Das gut erhaltene Wrack, das am vierten Tag der Kreuzfahrt angesteuert wird, liegt aufrecht in nur elf Meter Tiefe, ideal für die Arbeit der Forschungstaucher. Seit 2015 kommen die Wissenschaftler jedes Jahr, das Zeitfenster ist durch Wetter und Eisverhältnisse auf Mitte August bis Anfang September begrenzt. 2016 mussten die Forscher wegen starken Eisgangs sogar unverrichteter Dinge wiederabziehen.

Im 20-Minuten-Takt steuern Zodiacs an diesem Septembertag mit jeweils zehn Gästen zunächst das Forschungsschiff „RV David Thompson“ an, das mit 14 Schlafplätzen als Basis für die Wissenschaftler dient.

Dort wartet der Kanadier Ryan Harris in Jeans, Polohemd und mit Basecap, der die „Erebus“ am 2. September 2014 gemeinsam mit einem Kollegen auf einem Seitensonargerät entdeckte: „Die Strukturen waren so deutlich zu erkennen, dass wir an eine Sinnestäuschung dachten. Wir konnten es gar nicht glauben, dass das Schiff so gut erhalten sein sollte“, sagt der 47-jährige Unterwasserarchäologe.

Doch die Kamera des Tauchroboters zeigte so deutliche Merkmale des 1826 als Mörserschiff gebauten Schiffes, dass es keinen Zweifel mehr gab. Gleich beim ersten Einsatz, den er als „den besten Tauchgang meines Lebens“ bezeichnet, fand Harris den Anker und die Messingglocke des Schiffs. Anhand einer technischen Zeichnung erklärt er den Gästen, wie die Wissenschaftler nun bei der Suche weiter vorgehen.

Von der 200 Meter entfernten Forschungsplattform aus suchen Taucher das Schiff nach Planquadraten systematisch ab. Rund 90 Prozent sind bereits erfasst, etwa hundert Artefakte wie Knöpfe oder Musketenkugeln wurden bereits geborgen, zahlreiche weitere wie Gläser, Flaschen, Geschirr, Besteck, Kleidungsstücke und Seemannskisten gesichtet.

Tipp: Das gerade erschienene Buch des Monty-Python-Mitglieds Michael Palin erzählt die Geschichte der „HMS Erebus“ – vom Stapellauf über Forschungsreisen bis zur Wiederentdeckung:

Preisabfragezeitpunkt:26.11.2019, 17:54 UhrOhne Gewähr
ANZEIGE

Michael PalinErebus: Ein Schiff, zwei Fahrten und das weltweit größte Rätsel auf See

Verlag:
mare verlag
Seiten:
400
Preis:
EUR 28,00

Die ersten 55 Funde bleiben in britischem Besitz und werden im National Maritime Museum in Greenwich ausgestellt. Dafür übereignete Großbritannien Kanada beide Schiffe sowie alle noch zu bergenden Fundstücke. Ein hervorragendes Abkommen für sein Land, wie der Chefarchäologe von Parks Canada, Marc-André Bernier, sagt. Er hofft auf weitere Funde: „Die Logbücher wurden damals aus Leinenpapier hergestellt und könnten deshalb im kalten Salzwasser, das nicht viel Sauerstoff enthält, überdauert haben.“

Logbücher und weitere Aufzeichnungen vermuten die Wissenschaftler in der Kapitänskabine, in den immer noch geschlossenen Schubladen und Fächern von Schreib- und Kartentisch. Bernier, der aufgrund seines Vollbarts und zerzauster Mähne von kanadischen Medien als „Indiana Jones der Meere“ bezeichnet wird, erhofft sich darin einen Hinweis auf Franklins Grab.

Und auf noch etwas sind die Forscher aus: Die Franklin-Expedition hatte erstmals eine Daguerreotypiekamera dabei. Sollten belichtete Platten mit Bildern gefunden werden, wäre dies eine weitere Sensation.

Wer den Wracks nahe kommen will, muss in ein paar Jahren vielleicht keine teure Expeditionskreuzfahrt mehr buchen. In Gjoa Haven, der nächstgelegenen Inuit-Gemeinde auf King William Island, soll das Nattilik-Kulturzentrum für sechs Millionen Dollar erweitert werden. Statt in Großstädten wie Ottawa wollen Parks Canada und der Inuit Heritage Trust dort die Fundstücke der Franklin-Expedition ausstellen.

Sobald die Forschungsarbeiten abgeschlossen sind, wollen sie auch die Wrack-Fundstellen für eine touristische Nutzung freigeben. Die „Erebus“ und die „Terror“ allerdings sollen weiterhin dort ruhen bleiben, wo sie vor mehr als 170 Jahren auf den Grund des Meeres sanken.

Ingo Thiel ist freier Autor. Seine Reise wurde unterstützt von Polaris Tour und Adventure Canada.

Read More

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: