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Urlaub: Reiseverbandschef: „Höherer Schutz wird Reisen verteuern“

Berlin. Nach der Pleite des britischen Reisekonzerns Thomas Cook sitzen viele Hotelinhaber in Ferienorten im In- und Ausland auf unbezahlten Rechnungen. Es drohen hohe Millionenverluste. Während Condor auf einen Überbrückungskredit hofft, um in Ruhe einen neuen Investor zu finden, müssen die Veranstalter wie Neckermann, Öger und Bucher ohne Finanzhilfe nach neuen Eignern suchen.
Vielen Pauschalreisenden wurde nicht nur der Urlaub gestrichen, sondern sie werden wohl auch nur einen Teil ihrer Reisekosten zurückerhalten, da der Versicherungstopf von 110 Millionen Euro zur Entschädigung nicht für alle ausreichen dürfte. Über notwendige Änderungen in der Branche spricht der Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV), Norbert Fiebig, mit unserer Redaktion.
Herr Fiebig, durch die Thomas-Cook-Pleite wurde Tausenden Kunden der Herbst- und Winterurlaub gestrichen. Bleiben die meisten jetzt zu Hause oder haben viele der Betroffenen bei einem anderen Anbieter eine neue Reise gebucht?

Norbert Fiebig: Viele wollen trotzdem in den Urlaub fahren. Einige Veranstalter bieten den Thomas-Cook-Gästen Sonderkonditionen, um einen Teil des entstandenen Schadens abzumildern.
Selbst Pauschalreisende werden wohl nicht den vollen Preis ihrer ausgefallenen Reise zurückerstattet bekommen. Sollte hier der Staat einspringen?

Fiebig: Der Fall Thomas Cook wirft Fragen auf, wie die Insolvenzversicherung zukünftig aufgestellt werden soll. Wir stehen vor der Herausforderung, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Dafür müssen wir das System der Kundengeldabsicherung für die organisierte Reise zukunftssicher und wirtschaftlich tragfähig machen. Daraus ergibt sich ein Auftrag für die Politik, die Versicherungen und für uns als Reisewirtschaft. Wir sind gemeinsam gefordert, Lücken im bestehenden Sicherungssystem zu schließen.
Schlagen Sie eine Erhöhung der Versicherungssumme vor, wie dies seit Langem von Verbraucherschützern gefordert wird?

Fiebig: Wie hoch eine ausreichende Kundengeldabsicherung in Zukunft sein soll, kann erst nach einer umfassenden Analyse abschließend beantwortet werden. Deshalb ist es gut, dass die Bundesregierung in einem Gutachten feststellen will, ob die Insolvenzregelungen, wie sie derzeit ausgestaltet sind, modifiziert werden müssen. Der DRV hat zu diesem Zweck bereits Kontakt mit dem BMWi und BMJV aufgenommen.
Wie stark würde dies eine Pauschalreise verteuern?

Fiebig: Ein höheres Schutzniveau wird sicherlich mit höheren Kosten verbunden sein, die unabhängig von der Konstruktion zukünftiger Sicherungssysteme die Reise für den Kunden verteuern werden.
Viele Hoteliers fürchten um ihre Existenz. Werden jetzt Hotels von anderen Veranstaltern unter Vertrag genommen?

Fiebig: Hotels, die viel mit Thomas Cook zusammengearbeitet haben, sitzen jetzt auf unbezahlten Rechnungen aus der abgelaufenen Sommersaison. Sie werden eine Weile zu kämpfen haben, um diese enorme finanzielle Belastung zu überwinden. Die gute Nachricht ist, dass viele Reiseveranstalter gerade in den Zielgebieten unterwegs sind, um mit den Hotels neue Verträge zu machen, damit das Angebot auch weiter für den Kunden verfügbar ist.
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Erwarten Sie eine weitere Bereinigung des Veranstaltermarktes durch Insolvenzen?

Fiebig: In Deutschland gibt es eine große Vielfalt an Reiseveranstaltern – rund 2300 sind es derzeit an der Zahl. Die allermeisten hiervon sind klein- und mittelständisch und in der Regel sehr spezialisiert. Gerade das Segment der Spezialisten entwickelt sich in den letzten Jahren ausgesprochen positiv. Das Wachstum des Marktes der letzten Jahre wurde im Wesentlichen von den kleineren Veranstaltern getragen. Der starke Wettbewerb zwischen einigen großen und der Vielzahl an kleinen Veranstaltern ist für den Kunden von Vorteil: Er sorgt für günstige Reisepreise. Eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen könnte allerdings zu einer ernst zu nehmenden Belastungsprobe gerade für mittelständische Veranstalter werden.
Ist es sinnvoll, Condor mithilfe von Staatskrediten zu retten?

Fiebig: Dass die Bundesregierung und das Land Hessen einen Überbrückungskredit zugesagt haben, ist zunächst einmal eine gute Nachricht. Denn die Condor war und ist ein gesundes und profitables Unternehmen, das durch die Insolvenz der britischen Mutter Thomas Cook in Mitleidenschaft gezogen wurde. Zudem ist die Condor von großer Bedeutung für die deutsche Reisewirtschaft – mit ihr fliegen ja nicht nur Gäste von Thomas Cook, sondern auch Gäste von vielen anderen Reiseveranstaltern in Deutschland.
• Hintergrund:
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• Überbrückungskredit:
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Der Kreuzfahrtmarkt boomt weltweit. Erwarten Sie Rückschläge durch die Klimadiskussion, zumal die Schiffe aufgrund ihrer Abgase eher als Dreckschleudern gelten?

Fiebig: Die Kreuzfahrt erfreut sich seit Jahren großer Beliebtheit bei unseren Kunden und die Nachfrage steigt. Es ist richtig und gut, dass unsere Kunden zunehmend sensibilisiert sind für nachhaltiges Reisen. Was viele nicht wissen: Die Kreuzfahrt hat einen großen Anteil am technologischen Fortschritt und an den Innovationen auf den Weltmeeren. Sie tut bereits enorm viel für den Umwelt- und Klimaschutz und wird ihr Engagement in Zukunft noch verstärken. Das müssen wir besser kommunizieren.

Welches sind in diesem Jahr die Hauptreiseziele der Deutschen gewesen?

Fiebig: Sommerurlaube in der Türkei waren in diesem Jahr wieder stark nachgefragt, und das gilt auch für die nordafrikanischen Urlaubsländer wie Ägypten und Tunesien. Aber das Reisejahr ist ja noch nicht zu Ende und die Herbstferien haben gerade erst begonnen. Daher ist es für ein Resümee noch etwas zu früh. Sonne, Strand und Meer stehen nach wie vor hoch im Kurs, ebenso wie Städtereisen und Kreuzfahrten. Urlaub hat bei den Deutschen einen hohen Stellenwert und die Reiselust ist ungebrochen.

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