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Wirtschaftskrise in Kuba: Zurück auf den Ochsenkarren

Kuba steckt in einer tiefen Versorgungskrise. Die Sanktionen der USA verschärfen die Mängel noch. In der Not besinnen sich viele Inselbewohner auf Hilfsmittel längst vergangener Tage.
Von Ute Brucker, SWR
Schlangen an den Tankstellen – mit diesem Problem haben viele Kubaner in der ganz realen Gegenwart zu kämpfen. Weil es gerade kein Benzin und auch kein Diesel gibt. Seit die USA ein Öl-Embargo gegen Venezuela verhängt haben, bekommt Kuba weniger Sprit zum Freundschaftspreis vom sozialistischen Bruderstaat. Das hat Auswirkungen auf die gesamte Insel-Wirtschaft.
Auf dem Land fahren wenigstens noch einige Pferdekarren – für manche ist das ein Glück. Als es im Sommer manchmal sogar tagelang auf der Insel so gut wie nirgends Sprit gab, waren die Menschen in der Provinz noch am besten dran. Sonst wird ja meist die Hauptstadt Havanna mit Lebensmitteln, Alltagsgütern und eben Benzin bevorzugt.
Kein Futter, keine Milch
6 Uhr früh, Vista Hermosa. „Schöne Aussicht““ heißt der Hof, eine halbe Fahrtstunde außerhalb Havannas. Ziegen gibt es dort, 60 Kühe, Truthähne, Schweine. Und viele Hände sind am Werk.
Der Chef der Finca heißt Misael Ponce. Er packt selbst an und ist von allen, die hier arbeiten, der schnellste. In drei bis vier Minuten hat er eine Kuh gemolken. Leider, so sagt er, werde zur Zeit nur einmal am Tag gemolken. Schuld daran seien die US-Sanktionen: „Früher haben wir uns auch zweimal am Tag ans Werk gemacht, aber damals konnten wir noch Kraftfutter zugeben, Soja und so weiter. Importprodukte, die wir schon länger nicht mehr zur Verfügung haben.“
„Wir müssen Probleme selbst lösen“
Kuba im 21. Jahrhundert, und doch erinnert noch vieles an eher vorindustrielle Zeiten. Die beiden Ochsen Castillo und Palacio müssen pflügen, ernten und Lasten transportieren. Die beiden kraftvollen Allrounder werden seit der Treibstoffkrise schlichtweg für alles eingesetzt. Die Not wird zur Tugend. Für die Böden sei das immerhin schonender, erklärt Iris Fonseca, eine Agraringenieurin. Eigener Futteranbau, düngen mit Mist, fast wie auf einem Biohof.
„Wir müssen hier so gut wie möglich unabhängig von äußeren Faktoren bleiben und die Probleme selbst lösen. Wer in den heutigen Zeiten ein Ochsengespann hat, der kann sich glücklich schätzen“, sagt Fonseca. Schneller und produktiver aber wäre es, das gesteht sie gerne zu, mit dem Traktor und zeigt auf ein altes klappriges Gestell. Der herbeigeeilte Finca-Chef Ponce schwört, dass das Modell aus den vorsozialistischen 1950er-Jahren noch gut fahre. Den Traktor habe er vom Opa geerbt.
Die US-Sanktionen treffen die Bevölkerung
Aber heute? Nun der Tank sei leer, sagt Fonca: „Letzten Monat bekam ich vom Staat keinen einzigen Liter Diesel. Davor war es wenigstens noch ein Drittel dessen, was mir normalerweise zugeteilt wird. Jetzt aber ist der Hof komplett von der Zugkraft der Tiere abhängig.“ Ob ihn das wütend macht? Ponce zögert und antwortet dann doch fest:

„Ich finde es eher ungerecht. Die Sanktionen von Donald Trump sollen ja eigentlich unsere Regierung treffen und ihr schaden. Ob das wirklich der Fall ist? Ich weiß nicht. Was ich sicher weiß: Uns hier schadet es hundertprozentig.“

Eine „dämliche“ Feindschaft
Der US-Präsident mit dem markanten blonden Haar ist auch ein Thema für Maler Manuel Hernandez. Er lebt im Herzen Havannas, am Rande des Hafens. Pop Art ist sein Lieblingsstil, Andy Warhols berühmtes Suppendosenmotiv modifiziert er auf kubanisch. Mit Mangelwirtschaft und Embargo lebt er, wie alle Kubaner, schon lange: „Du kriegst hier nicht immer Farbe. Ich muss oft ein Jahr warten oder zwei, bis sie wieder geliefert wird, manchmal sogar drei.“
Die Feindschaft zwischen den USA und Kuba findet Hernandez schlichtweg „dämlich“. Lügen, Ideologien, meint er, das müsse ja nicht sein. Freundschaft zwischen beiden Ländern – das ist sein Traum.
Auch weil er und seine Kollegen in der Ausstellungshalle seit ein paar Monaten so gut wie kein Geld mehr verdienen. Sie warten auf Touristen, die ihre Bilder kaufen. Doch seit Mai sind im Hafen von Havanna keine amerikanischen Kreuzfahrtschiffe mehr in Sicht. Trumps rüde Art Politik zu betreiben – Strafzölle, Sanktionen, Embargo – das hinterlässt erst Recht auf Kuba tiefe Spuren, wie Hernandez bitter erfahren hat: „Unser Verkauf ist dadurch regelrecht eingebrochen. Ein Kreuzfahrtschiff bringt ja viel mehr Touristen her, als ein Flugzeug. Und unsere Halle liegt direkt neben der Anlegestelle, das war praktisch für die Touristen.“
Das Kreuzfahrtterminal verwaist, selbst europäische Reedereien fahren Havanna so gut wie nicht mehr an. Auch sie fürchten die US-Sanktionen. Und so gehen Kuba mehr und mehr die Devisen aus.
„Wie in der DDR“
Auf der Finca Vista Hermosa, am Stadtrand von Havanna, vermissen sie den Kreuzfahrttourismus auch. Er schwemmte ihnen Besuchergruppen auf den Hof. Etwa dreiviertel seiner Milchproduktion muss der Genossenschaftshof an den Staat verkaufen. Seit etwa vier Jahren dürfen sie aus dem Rest Käse machen und privat vermarkten. Guaven, Papaya, Zuckerrohr bauen sie auch noch an. Aber die zahlungskräftige Kundschaft wird mit jedem Tag kleiner.
Seit der Verschärfung der US-Sanktionen dieses Jahr bewirten die Mitarbeiter auf dem Anwesen rund 80 Prozent weniger Touristen. Eine Katastrophe, meint Ponce: „Wir haben investiert, haben etwas aufgebaut, Arbeit reingesteckt. Natürlich mit dem Ziel, damit Geld zu verdienen, um unseren Hof weiter voranzubringen.“
Immerhin, manchmal kommen doch noch kleine Besuchergrüppchen. An diesem Tag sind es deutsche Touristen, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind. Viele erinnern sich schnell an die eigene Zeit zurück – vor mehr als 30 Jahren. Einer sagt halb im Ernst, halb im Scherz: „Es ist so eine Mangelwirtschaft, wie in der DDR. Sie basteln halt, sieht man ja auch an den alten Autos.“ Oder an den alten Fuhrwerken, die von den beiden Ochsen Castillo und Palacio über die Felder gezogen werden. Die beiden Arbeitstiere haben jedenfalls heute noch lange keinen Feierabend.
Diese und weitere Reportagen sehen Sie heute um 19.20 Uhr im Weltspiegel im Ersten.

Über dieses Thema berichtet das Erste am 17. November 2019 um 19:20 Uhr im Weltspiegel.

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